09.12.2003
Karl-August Heise: Nachbarn des Domes -
Klöster und künstlerischer Städtebau


Der nachfolgende Beitrag von Karl-August Heise ist nachlesbar in der Festschrift "Auguste-Viktoria-Gymnasium Trier: 350 Jahre Bildung und Erziehung", erschienen im Herbst 2003:



Die Häuserzeile Christoph-
straße zwischen der um
1902/03 angelegten Koch-
und der Deworastraße zeigt Vielfalt in der Einheit anspruchsvoller Bürgerhausarchitektur im Realisierungszeitraum 1902-1912.

Unmittelbar am Rande der Domstadt gelegen, gehört das Auguste-Victoria-Gymnasium zu den engen Nachbarn des Domes. Die Fertigstellung des Schulneubaus im Jahre 1908 war Teil der grundlegenden Neuordnung des Areales im Nordosten der Altstadt, zwischen Domstadt und Alleenring. Mit ihr veränderte sich eine städtebauliche Situation, die seit dem Mittelalter bestanden hatte. Der Weg führte nun in das 20. Jahrhundert. In den letzten Jahren lag dieser Altstadtbereich jedoch weniger als andere im Blick der öffentlichen Aufmerksamkeit. Anders als dort, wo Trier den Umbau mit Geschäftshäusern, Platzgestaltungen und Verkehrsprojekten erlebte, vermittelt er heute den Eindruck einer gewissen Beständigkeit. Dies läßt sich auch darauf zurückführen, daß ihm die Umgestaltung an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert eine bis heute tragfähige städtebauliche Struktur gab. Dennoch - ja gerade deshalb - ist der damalige, sehr gravierende und insgesamt erfolgreiche städtebauliche Umgestaltungsprozeß bemerkenswert und verdient unsere Aufmerksamkeit.

Die Flächen in dieser Randlage der Altstadt sind von der Domstadt im Südwesten und der Bebauung an der Rindertanz- und Simeonstraße im Westen flankiert. Über Jahrhunderte lagen sie sozusagen im „Schatten“ dieser ältesten kontinuierlich existierenden Trierer Siedlungsschwerpunkte, zu denen die Domstadt sowie die Simeonstraße als Hauptsiedlungs- und Straßenachse vom Hauptmarkt zur Porta Nigra gehören. Ihre andere Begrenzung bildete die mittelalterliche Stadtmauer im Nord-und Südosten – bis zu ihrer Beseitigung gegen Ende des 19. Jahrhunderts. In diesen Winkel hinein hatte sich die Bürgerstadt des Mittelalters nicht entfaltet. Das Gebiet blieb vielmehr in hohem Maße mit Grün- und Freiräumen durchsetzt, zeigte auch keine vergleichbare Vielfalt an Zeugnissen der bürgerlichen Bau- und Siedlungsgeschichte, wie wir sie an anderen Stellen der Trierer Altstadt vorfinden. Daß diese Feststellung bis in die römische Zeit der Stadt gilt, darauf weisen archäologische Befunde hin, die bei den Grabungen im Bereich der 2002/03 abgebrochenen Dewora-Turnhalle gemacht wurden. Gefunden wurden Pfostenlöcher von Weingarten-Pfählen, mehr als 1800 Jahre alt. Auch als das römische Trier im 4. Jahrhundert seinen Entwicklungshöhepunkt erreichte, wuchsen hier Wein und Getreide.

Klöster im Schatten des Domes

In der Nachbarschaft des Domes hatten sich im Mittelalter verschiedene Klöster angesiedelt, die Teil der von Herzog beschriebenen Kirchen- und Klosterlandschaft waren. Sie trat in diesem Winkel der Altstadt in besonderem Maße in Erscheinung, da sie kaum mit bürgerlichen Hausgruppen verbunden war. Die sakralen Bauten erweiterten die Domstadt. Drei Klöster hatten sich hier angesiedelt.

Im 13. Jahrhundert war der Dominikanerorden zur Bekämpfung von Häretikern durch die Predigt gegründet worden. Dieser Predigerorden brachte viele Gelehrte hervor. In Trier hatte er eine enge Beziehung zur Universität. Das Dominikanerkloster St. Johannes ging auf die Gründung einer Ordensniederlassung im Jahr 1223 oder 1227 zurück. Bald darauf erfolgte der Bau eines Klosters und um 1240 die Vollendung des Chores der Kirche. 1610 vernichtete ein Brand die Bibliothek und den größten Teil des Klosters. Dies machte einen Neubau des Klosters (1715) erforderlich, dem der Neubau des Chores der Klosterkirche (1753) folgte.

Im Kloster St. Nikolaus wohnten Franziskaner-Nonnen, die nach der Farbe ihrer Tracht Grauschwestern genannt wurden. Eine Nikolauskapelle wird schon 1293 erwähnt. Im Jahre 1443 fand die Gründung des Nonnenklosters auf einem Grundstück statt, das den Zisterzienserinnen von Löwenbrücken (in Trier-Süd) gehörte. 1724 folgte der Neubau der Kirche.

Die Kongregation der lothringischen Augustinerschulschwestern (Welschnonnen) kam 1653 nach Trier und erwarb ein Haus in der Flanderstraße. Der Baumeister des Welschnonnenklosters (1728-1734), der Augustinerbruder Josef Walter, entfaltete in Trier eine umfangreiche Tätigkeit. Bis Mitte des 18. Jahrhunderts gelangte der gesamte Bering zwischen Flander- Sichel- und Deworastraße in den Besitz des Klosters. Neben dem 1728 begonnenen Klosterbau existierten das Schulhaus im Westen (1785-1787) und ein weiteres Schulhaus 1858/59 an der Sichelstraße nordwestlich der Kirche. Eine ehemals private Hofanlage des 16. Jh. im Osten an der Flanderstraße diente als Krankenflügel.

Die Säkularisation und ihre Folgen



Momentaufnahme zum Zeitpunkt des Umbaus und Abbruches der ehemaligen Deworaschule mit Turnhalle (Februar 2003). Der Blick erfaßt den Mittelrisalit des AVG, das Tor zum Welschnonnenkloster, die Rückseite der Eckbebauung Flanderstraße und den links den Bau der Handwerkskammer

Als 1794 französische Revolutionstruppen Trier besetzten, befahl Napoleon die Aufhebung sämtlicher Klöster und kirchlichen Einrichtungen. Die Säkularisation durch die Franzosen hatte gravierende und langfristige Folgen. Zwar beschränkten sich die Eingriffe in das städtebauliche Gefüge zunächst auf einzelne Abbruchmaßnahmen. In welchem Maße sich seitdem die Stadt veränderte, läßt sich am Stadtmodell im Städtischen Museum Simeonstift nachvollziehen. Dieses Modell zeigt uns die Altstadt um das Jahr 1800. Sie vermittelt einen noch weitgehend mittelalterlichen Eindruck.

Im Zuge der Säkularisation hob die französische Regierung nach 1794 das Dominikanerkloster St. Johannes auf und baute es 1801 in ein Männergefängnis um. Die Klosterkirche wurde bereits 1812 abgebrochen. Fast hundert Jahre später – 1900 - wurde die gesamte Anlage im Zuge der städtebaulichen Neugestaltung des Alleenringes in der Nähe des Hauptbahnhofes niedergelegt.

Auch das Kloster St. Nikolaus hoben die Franzosen 1802 im Zuge der Säkularisation auf. Bereits 1804 folgte der Abbruch der Kirche. Zunächst verwendete man das Kloster als Archiv. Im Jahre 1824 vereinigte die nunmehr preußische Regierung das Klostergebäude mit dem schon 1802 zum Gefängnis umgestalteten ehemaligen Dominikanerkloster und richtete es als Frauenstrafanstalt ein. Diese Zeit des Überganges fand schließlich 1902 mit der städtebaulichen Neugestaltung des Areales ihr Ende. Die Regierung verlegte die Frauenstrafanstalt nach Wittlich. Dies war Voraussetzung für den Abbruch der ehemaligen Klostergebäude der Grauschwestern.

Die Welschnonnen waren die einzige Kongregation, die im Zuge der Säkularisation 1801/02 wegen ihrer Aufgaben für Bildung und Erziehung in der Stadt von den Franzosen nicht aufgehoben wurde. Sie konnten auch unter der preußischen Regierung bis 1875 weiterwirken. Im Zuge des Kulturkampfes, auf der Grundlage des Ordensgesetzes vom 31. Mai 1875, hob die preußischen Regierung jedoch das Kloster auf. Die Nonnen wurden ausgewiesen, ihre Kirche ging nun an die Marianische Jünglingskongregation über. 1878 richtete die Stadt im ehemaligen Welschnonnenkloster eine Mädchenschule ein, bis 1886 die Kloster- und Schulgebäude verstaatlicht und von der Auguste-Victoria-Schule übernommen wurden. Die Bauanlage an der Ecke Flander-Deworastraße war 1875 verkauft worden. In diesem Gebäude betrieb der neue Besitzer eine Kohlenhandlung. Im seinem linken Flügel standen die notwendigen Zugpferde. Der Grundstücksbesitzer wollte den zeitgemäßen Anforderungen Rechnung tragen, ließ 1912 die Anlage abreißen und 1913/14 durch seinen Architekten Kuhn ein mehrgeschossiges Wohnhaus errichtet. Es gehört mittlerweile zu den Baudenkmälern.

Ein bemerkenswertes Gebäude in der Nachbarschaft, auf dem Grundstück des heutigen Dom-Museums, war die Kurie Metzenhaus. Ramboux hielt sie wenige Jahre vor ihrem Abbruch, im Jahre 1828, in einer bekannten Zeichnung fest. In den Jahren 1832/33 errichte Johann Georg Wolff an ihrer Stelle das königlich preußische Gefängnis. Er übernahm hier, in unmittelbarer Nachbarschaft des Domes, zweifellos eine heikle Bauaufgabe. Dies gilt sowohl für die Nutzung als Gefängnis, die in diesem Bereich neu und fremd war, als auch hinsichtlich einer denkbaren abweisenden Gestaltung des Gebäudes. Nicht völlig unvorbereitet begnete man allerdings dieser Situation durch die vorherige Umnutzung des Dominikanerklosters und des Klosters St. Johannes zu Gefängnissen. Wolff gelang es, die Bauaufgabe sehr angemessen zu lösen und das Gebäude gut in diese von kirchlichen Anlagen geprägte Umgebung einzufügen. Diese Leistung des trug dazu bei, daß sich das Ensemble noch heute, in seiner 1988 umgebauten und erweiterten Fassung, als Diözesanmuseum gut in die engste Nachbarschaft einbindet.

Abbruch der Stadtmauer - neue Impulse der Stadtentwicklung

Eine grundlegend neue Entwicklung Triers verband sich mit dem Abbruch der mittelalterlichen Stadtmauer. Sie besaß zum Schluß nicht mehr ihre ursprüngliche Wehrfunktion, sondern war lediglich noch Zollmauer. Die meisten Bürger der Stadt sahen sie als Behinderung für die Stadtentwicklung an, auch insofern, als ihr Hinterland auf weiten Strecken weder als Bauland noch als Kommunikationsfläche in die Stadt einbezogen war. Sie erschien als Barriere gegenüber der notwendigen Stadterweiterung und galt in manchen Abschnitten als „Schauplatz bürgerlicher Schmuggelstücke und Lagerplatz von Zigeunern und Kesselflickern„, wie Spoo beschrieb.

Zwischen der Beseitigung der Stadtmauer und der Einbindung Triers in ein modernes überregionales Verkehrsnetz mit Bau der Bahnlinie und des Hauptbahnhofes besteht ein wesentlicher Zusammenhang. Alle damit verbundenen Maßnahmen verstand man als Beiträge zur Modernisierung der Stadt und ihrer wirtschaftlichen Weiterentwicklung.

Zumeist erfolgten Veränderungen der Stadt durch kleinteilige Bau- und Umbaumaßnahmen, den Reaktionen auf neue Nutzungsanforderungen. Demgegenüber hatte dieser Umgestaltungsprozeß im Zuge des Abbruches der Stadtmauer nach 1875, vor allem hier im Nordosten der Altstadt, eine andere Qualität. Er war ein die Stadtentwicklung grundlegend verändernder, ja sogar „revolutionierender“ Entwicklungsschub. Mit ihm wandelte sich das über ein halbes Jahrtausend bestehende äußere Erscheinungsbild der Stadt – Ausdruck der mittelalterlichen Gesellschafts- und Lebensform – radikal.

Seit dem 14. Jahrhundert hatte Trier diese geschlossene Stadtmauer besessen. Sie umfaßte das mittelalterliches Gefüge der Stadt mit ihrem sehr dichten Kern um das Zentrum mit dem Hauptmarkt weiträumig. Nun war es möglich, die noch wenig bebauten Freiflächen, die teilweise landwirtschaftlich genutzt wurden – wie hier im Nordosten um die Klöster - in die neue Entwicklung einzubeziehen.

Als die Stadtmauer im 19. Jahrhundert ihre ursprüngliche Funktion als Wehrmauer zum Schutze der Stadt vor Angriffen längst verloren hatte, verblieb ihre Funktion als Zollmauer. Mit deren Hilfe war es möglich, in die Stadt gelangende Güter zu kontrollieren und Zölle zu erheben. Hierfür herrschte seitens der Bürger wenig Verständnis. Im Gegenteil, die Zölle und mit ihnen die Stadtmauer waren ihnen „verhaßt“. Andererseits konnten die Einwohner Triers mit der Stadtmauer aber auch den Stolz verbinden, Bürger einer bedeutenden Stadt mit langer Geschichte zu sein.

Deshalb löste die Infragestellung der Stadtmauer kontroverse Reaktionen aus. Sie bezogen sich auf die Vergangenheit und die Pflege der Tradition einerseits sowie auf die Zukunft andererseits, damit den Aufbruch zu neuen Zielen der Stadtentwicklung. Die damalige Diskussion beleuchtet schlaglichtartig an diesem besonders prägnanten Merkmal der mittelalterlichen Stadt die Problematik des Wandels, des Einsetzens einer neuen Phase der Stadtentwicklung und des Spannungsverhältnisses von Erhaltung und Wandel. Auch dies war jedoch keine plötzliche Veränderung, denn bereits vor dem Abbruch der Stadtmauer zeichnete sich die neue Entwicklung ab, als man die wehrhaften Wälle aufgab und durch gärtnerische Anlagen ersetzte.

Bereits am Anfang des 19. Jahrhunderts waren die Probleme der im Zentrum sehr dicht bebauten mittelalterlichen Stadt offenkundig. Man versuchte, dieser Probleme durch die Straßenpolizeiordnung von 1818 Herr zu werden, die vor allem einer Überlastung der engen Straßenräume entgegentreten sollte. Daneben wies diese Verfügung zur Entlastung auch Bauplätze für die Neubebauung aus. Zu ihnen gehörte der „freie Platz am Kongregationseck„ (Welschnonnen). Noch behandelte die Stadt ihre städtebauliche Weiterentwicklung sehr zögerlich.

Diese Haltung änderte sich erst allmählich gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Besonders exponiert war der neue Hauptbahnhof (1886), weit mehr als nur Haltepunkt des revolutionierenden neuen Verkehrsmittels. Er war gleichzeitig ein städtebaulicher Akzent, den man an einer für die Aufnahme bestehender Strukturen und für die weitere Stadtentwicklung sehr geeigneten Stelle setzte. Sie befand sich dort, wo die verlängerte nördliche Anlage mit ihren Straßen (Christophstraße, Theodor-Heuß-Allee, Bahnhofstraße) den Bahnkörper erreichte. Wie viele der damaligen Zeit war auch der Triers auf repräsentative Wirkung angelegt. Er forderte sozusagen dazu auf, das Umfeld entsprechend anzupassen. Er war in italienischen Renaissanceformen gehalten. Seine Mitte bildete eine riesige Eingangshalle mit triumphbogenförmiger Fassade zur Stadt.

Dieser Entwicklungsimpuls wurde auch mit einigen weiteren Bauten aufgegriffen. So erhielten das fast gleichzeitig errichtete Hotel Reichshof (1897) aber auch die erst wesentlich später - 1926 - folgende Reichsbahndirektion einschließlich ihrer Vorfläche am Balduinsbrunnen mit der gesamten städtebaulichen Anlage der Allee eine repräsentative Wirkung, die sich auf den Bahnhof als östlichen Endpunkt bezog.

Die Christophstraße wurde 1892-95 als Ringstraßenabschnitt angelegt. Vorher hatte hier innen entlang der mittelalterlichen Mauer ein Weg geführt. Während der Abschnitt zwischen Porta Nigra und Kochstraße bereits bis zur Jahrhundertwende (1892-1903) weitgehend bebaut wurde, realisierte man den zwischen Koch- und Deworastraße in den Jahren 1902 bis 1912, also im Anschluß und im Zusammenhang mit der Aufstellung des Generalbebauungsplanentwurfes von 1900.

Künstlerischer Städtebau und Generalbebauungsplan 1900


Das Dominikanerkloster im Stadtmodell, Vorgängerbau des Auguste-Victoria-Gymnasiums. Links davon die Kurie Metzenhaus, heutiger Standort des Diözesanmuseums

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts erwarteten immer mehr Bürger mit dem Wachstum der Stadt, neuen Anforderungen und verstärkter Bautätigkeit die deutlichere Lenkung der städtebaulichen Entwicklung durch die städtische Verwaltung. Die Stadt beauftragte die renommierten und mit entsprechenden Planungen in München und Köln erfahrenen Architekten Stübben und Henrici mit der Bearbeitung eines Generalbebauungsplan-Entwurfes.

Bis dahin hatte sich die Stadt schwer getan mit ihren Planungen, da die Entwicklung in Trier nicht die Intensität hatte wie andere Städte, die manchmal zum Vergleich herangezogen wurden. Äußerst schwierig waren Entscheidungen zu Eingriffen und Verbreiterungen bestehender Straßenräume. Da die Stadt mit den Vorschlägen von Henrici und Stübben nicht immer einverstanden war, beauftragte sie ihren Stadtbaumeister Henrisch damit, deren Vorschläge den Trierer Verhältnissen besser anzupassen. Auch das Ergebnis dieser Arbeit, der Generalbebauungsplan-Entwurf 1900, wurde nicht rechtskräftig. Jedoch zog die Stadt ihn in bei einigen planerischen Entscheidungen als Grundlage heran. An verschiedenen Punkten der Stadt sind die Intentionen Stübbens und Henricis in der Realisierung erkennbar. Anliegen insbesondere Henricis war ein „künstlerischer Städtebau“, d.h. ein räumlicher Städtebau, unter Anpassung und Anwendung auf die örtlichen Anforderungen in Trier. Dies zeigt sich trotz der beschränkten Realisierung besonders hier, an der Christophstraße, von der aus die Koch- und die Deworastraße in geschwungener Form bis zur Sichelstraße geführt wurden. Sie erfuhren dort räumliche Aufweitungen und sind mit „points de vue„ auf die Domgruppe ausgerichtet. Der nordöstliche Teil der Altstadt unter Einschluß des Bahnhofes als neuem städtebaulichem Bezugspunkt hatte in diesem Plankonzept zweifellos einen besonderen Stellenwert. Seine Realisierung stand in engem zeitlichen Zusammenhang mit der Planaufstellung. Es ging darum, den Hauptbahnhof an den Altstadtkern anzubinden, sowohl hinsichtlich der Verkehrsbeziehung als auch der Stadträume. So gehört die Nordostseite der Altstadt zu den wenigen Bereichen, in denen die Städtebauvorstellungen des Generalbebauungsplanes von 1900 teilweise umgesetzt wurden. Auf den ehemaligen Freiflächen am Altstadtrand war zum Zeitpunkt der Planaufstellung tatsächlich das entsprechende Bauland ohne langwierige Eingriffe in den Bestand verfügbar und der Bedarf akut. Hier lassen sich deshalb die Vorstellungen nachvollziehen, die beispielsweise in den preisgekrönten Entwürfen Henricis und Stübbens von 1880 für die Neustadt Kölns zu finden sind. Dort ist der abwechslungsreichen Anlage und Gestaltung der neuen Straßen und Plätze im ästhetischen Sinne der Zeit besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Unter ausdrücklichem Hinweis auf den französischen Städtebau ist vor allem die Wirkung des „point de vue“ und des Pendants die enscheidende Bedeutung zuerkannt. Henrici hatte sich 1893 über langweilige und kurzweilige Straßen geäußert. Er hielt es für einfältig, krumme Straßen nur um ihrer selbst wegen einzuführen. Sie würden erst kurzweilig, wenn man sie nicht schematisch mit parallelen Wandungen erstellt, sondern wenn man sie so krümmt, dass in ihrem Verlauf die zu erstrebende unterhaltende und anregende Abwechslung hervorgebracht wird.

Die neue Planung verknüpfte sich mit alten Straßen, so der Sichelstraße. Sie führt sichelbogenförmig – die Umgrenzung der Domstadt in einer gewissen Entfernung nachzeichnend - vom Kreuzungspunkt Glockenstraße /Rindertanzstraße /Sieh um Dich bis zur Kreuzung Deworastraße. Der von hier aus weiter nach Osten, im Mittelalter zur Stadtmauer und der dortigen Kuritzpforte führende Wegeabschnitt (Richtung Kürenz) hieß 1363/64 Wollgasse. An der Ecke Koch-Sichelstraße lag der Tholeyer Hof, der 1910 abgebrochen wurde. Die nach dem Generalbebauungsplanentwurf 1900 neu angelegte Kochstraße mündet platzartig in die Sichelstraße ein. Auch das erst 1924-26 nach einem Entwurf des Architekten Ernst Brand entstandene ehemalige Gebäude der Handwerkskammer an der Ecke Koch- Sichelstraße nimmt die städtebaulichen Vorstellungen des Generalbebauungsplanentwurfes noch geschickt auf. Es gruppiert die Baumasse an der Straßeneinmündung markant und unterstützt die Blickbeziehung aus der Kochstraße auf die Domgruppe. Der östliche Teil der Sichelstraße stammt aus der Zeit der Anlegung mit dem ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Gymnasium. Dieser Bau, heute Max-Planck-Gymnasium, wurde 1911-1913 nach den Entwürfen von 1908 erbaut. Zum Pendant des Domes als „point de vue“ in der Deworastraße wurde das Katasterverwaltungsgebäude, erbaut 1903-1905.

Die Deworastraße erhielt ihren Namen nach dem Domkapitular und Pädagogen Victor Joseph Dewora (1774-1837), dem Gründer des ersten Lehrerseminars in Trier. Auch diese Straße wurde um 1901/02 nach dem Generalbebauungsplan-Entwurf angelegt. Voraussetzung hierfür war der Abbruch des an der Ecke Sichelstraße gelegenen Klosters der Grauschwestern. In diesem Zusammenhang wurde 1902/03 der größte Weinkeller in der Altstadt gebaut. Er nimmte den gesamten Bereich der Sichelstraße 6 ein. Heute ist er Dokument der Entwicklung Triers zur Weinmetropole um die Jahrhundertwende.

Das heutige Auguste-Victoria-Gymnasium, einst als katholische Volksschule der Pfarrei St. Laurentuis gebaut, wurde 1908 bezogen. Den Entwurf hatte 1905 der Architekt Arnold Doehring erarbeitet. Er gab ihm den für die damalige Zeit fortschrittlichen Charakter der Reformarchitektur. Bei der städtebaulichen Neuordnung schmälerte die Stadt den ehemaligen Klosterbering von Welschnonnen um 1905 durch eine zurückgesetzte Baufluchtlinie. In der neuen Flucht errichtete man eine Umfassungsmauer. Zur gleichen Zeit wurde der ehem. Krankenflügel in der Flanderstraße abgebrochen und durch eine Umfassungsmauer ersetzt. Die beiden Schulflügel wurden um 1914 abgebrochen.

Neubaubüro Dombering der 1930er Jahre


Eine umfangreiche Planung entwickelte die preußische Provinz Rheinland in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre. Sie plante im Zusammenhang mit einer Erweiterung der Auguste-Victoria-Schule verschiedene Neubauten. Das preußische Staatshochbauamt I arbeitete an der Erweiterung im Nordwesten vor der Welschnonnenkirche, auf dem dortigen Schulhof. Die Stadtverwaltung stand jedoch aus städtebaulichen und baupolizeilichen Gründen diesem Projekt ablehnend gegenüber. Sie forderte außerdem eine Aufweitung der Kreuzung Sichel-Deworastraße. Diese Zielsetzung ließ sich tatsächlichen verwirklichen. Dies war wohl der maßgeblichste Beitrag, den das soeben abgebrochene - an der Kreuzung zurückgesetzte - Gebäude der Deworaschule zur städtebaulichen Weiterentwicklung im Sinne des Generalbebauungsplan-Entwurfes von 1900 geleistet hatte. Seine architektonische Gestaltung war eher unauffällig.

Die staatlichen Planungen waren großzügig und umfassend angelegt. Ende 1940 machten sie im Dombering Fortschritte. Der Regierungspräsident wünschte, die gesamten Entwurfs- und Planungsaufgaben im Entwurfsbüro für den Dombering zusammenzufassen. Dazu gehörten: Der Regierungsum– und Erweiterungsbau (Katasteramtsgebäude), das Bischof-Korum-Haus im Zusammenhang mit der Auguste-Victoria-Schule, das Gefängnisgrundstück, die Turnhallen- und Sportplatzfragen usw. Dieser Wunsch entsprang der Erkenntnis, dass die Lösung des gesamten Bauaufgabenkomplexes in erster Linie eine zusammenhängende städtebauliche Aufgabe sei. Sie lasse sich deshalb nur einheitlich und von einer Dienststelle aus, nämlich dem Entwurfsbüro, bearbeiten. Das Regierungspräsidium unterstützte diesen Gedanken gegenüber dem preußischen Finanzministerium „besonders im Hinblick auf die Notwendigkeit der einheitlichen Gestaltung der im Schnittpunkt der Flander-Rindertanz-Glocken- und Sieh-um-Dich-Straße auszubildenden Platzes.“ Später führte die Dienststelle die Bezeichnung „Staatliches Neubaubüro für den Dombering“. Kurz darauf scheiterten die Ausbauabsichten für die Auguste-Victoria-Schule. Sie waren „nicht kriegsentscheidend“.

Städtebauliche Qualitäten heute

Obgleich der Stadtbereich um das Auguste-Victoria-Gymnasium das Ergebnis des künstlerischen Städtebaus um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert nicht in homogener Form zeigt, ist er doch ein wichtiges Dokument aus diesem Zeitabschnitt. Der im wesentlichen zwischen 1902 und 1914 realisierte Abschnitt der Christophstraße im Alleenring wird durch die Einmündungen der Koch- und Deworastraße begrenzt, beide entsprechen der Planung von 1900. Die Bebauung zeigt hier die gestalterische Vielfalt anspruchsvoller Bürgerhausarchitektur, eingefügt in ein Ensemble. Noch in dieser den Ansprüchen der Zeit folgenden neuen Form verweist sie auf die ehemalige Begrenzung der Stadt durch die Stadtmauer. Auch so kann sie zur Kontinuität der Geschichte beitragen. Einen anderen Geschichtsbezug übernehmen die Straßenführungen der Kochstraße und Deworastraßedenn die Blickbeziehungen zur Domgruppe sind ebenfalls Beiträge zur städtebaulichen Integration geschichtlicher Monumente.

Nicht realisiert wurden allerdings die weiterreichenden Planungen zur Fortführung der Straßenverbindungen Dewora- und Kochstraße bis in das Zentrum der Stadt, zum Domfreihof sowie bis in die Simeonstraße. Die neuen Straßen enden vielmehr an der Flanderstraße und der Glockenstraße. Ihre Fortführung hätte beträchtliche Eingriffe in Grundstücksverhältnisse und teils historischen Gebäudebestand erforderlich gemacht und waren nicht durchsetzbar.

Insgesamt aber lassen sich hier, wie nur an wenigen Punkten in der Stadt, die städtebaulichen Vorstellungen eines „künstlerischen Städtebaus“ noch erkennen. Da Trier zur Entstehungszeit dieses Stadtumbauprojektes nicht die wirtschaftliche Kraft besaß, die Planung zügig und vollständig umzusetzen, blieb das Ergebnis fragmentarisch. Dennoch blieben Vorstellungen aus der Zeit um 1900 lange als anerkannt und lebendig. So akzeptierten die Beteiligten späterer Baumaßnahmen diese und verfolgten sie weiter, wie Architekt Brand mit der Zurücksetzung des Handwerkskammer-Gebäudes an der Ecke der Kochstraße. Ebenso steht noch die Forderung der Stadt in den 1930er Jahren in dieser Kontinuität, den Kreuzungspunkt Dewora-Sichelstraße vor dem heutigen Katasteramtsgebäude aufzuweiten.

Andere städtebauliche Wirkungen gingen verloren. So hat heute der Hauptbahnhof nicht mehr die ursprüngliche Präsenz, mit der er sich architektonisch in Szene setzte. Seit den 1970er Jahren entstandene Bauten setzen sich in ihrer architektonischen Gestaltung deutlich von den detailreichen Gebäuden der vorausgegangenen Zeit ab. Von dem ursprünglich gegliederten Baukomplex des Auguste-Victoria-Gymnasiums ist lediglich ein Teil erhalten. In dem verbliebenen Mittelpavillon befinden sich die Halle und das Treppenhaus. Der ehemalige südwestliche Mädchenflügel und der Verwaltungstrakt wurden durch einen modernen Neubau ersetzt. Dass dabei auch die städtebauliche Vorstellung einer Aufweitung der Straßenräume und die städtebauliche Inszenierung der Blickbeziehung zur Domgruppe in den Hintergrund trat, zeigt seine Eckgestaltung an der Dominikanerstraße.

Nicht immer wurden die erreichten städtebaulichen und architektonischen Qualitäten vergangener Zeitabschnitte durch nachfolgende Generationen gewürdigt. Aus einer mittlerweile bestehenden geschichtlichen Distanz aber wird den nach der Wende zum 20. Jahrhundert entstandenen Bauten inzwischen denkmalpflegerischer Wert beigemessen. Zahlreiche Bauten aus dieser Zeit gehören inzwischen zu den Baudenkmalen. Sie sind in das Denkmalkataster der Stadt Trier aufgenommen.

Hier wird deutlich, wie wichtig das Verständnis für den Charakter und die Veränderungen der Stadt ist. Sie besitzt und erzählt ein Stück der Geschichte, die sich nicht auf weit zurückreichende Jahrhunderte beschränkt, sondern bis in unsere Tage reicht – und ein Faktor der Zukunftsprojektion bleibt.