02.11.2004
SPD-Jugendpressetag 2004: Kritische Fragen an den Kanzler und ein kleiner Einblick in den Parlamentarismus...

von Tim Roth, 13 SK

Im September bekam die Schülerzeitung des Auguste-Viktoria-Gymnasiums eine Einladung des Trierer SPD-Bundestagsabgeordneten Karl Diller zum Jugend-pressetag der SPD-Bundestagsfraktion nach Berlin.


Der SPD-Vorsitzende Franz
Müntefering bei seiner Begrüßung
in einer Kantine des Reichtags

Am Mittwoch, 27. Oktober 2004 machte ich mich also um 5.00 Uhr morgens gen Berlin Zoo auf, wo ich fast pünktlich gegen 13.00 Uhr ankam. Im Zug hatte ich bereits zwei weitere Rheinland-Pfälzer aus Wittlich und Koblenz getroffen, die das gleiche Ziel wie ich hatten. Von einem Mitarbeiter der Koblenzer Abgeordneten Ursula Mogg wurden wir abgeholt, fuhren mit der S-Bahn zum Bahnhof Friedrichstraße, von wo aus wir bereits das Reichtagsgebäude sehen konnte. Nach einem kurzen Spaziergang entlang der Spree erreichten wir schließlich unser Ziel: Das Jakob Kaiser-Haus, welches unmittelbar an den Reichstag angeschlossen ist und Büros der Abgeordneten beherbergt. Für jemanden wie mich, der seinen Jungferntrip in die deutsche Hauptstadt veranstaltete, war die komplette Szenerie und Kulisse von Anfang an recht beeindruckend.


Fototermin im Bundeskanzleramt
aus unserer Sicht

Nachdem nach und nach alle 90 Teilnehmer der Veranstaltung aus der gesamten Republik eingetroffen waren und wir die immensen Sicherheitskontrollen des Bundestages durchlaufen hatten, gab es erst einmal Mittagessen in eine Kantine des Parlaments, bei dem sich den Teilnehmern die Möglichkeit bot, sich gegenseitig ein wenig kennenzulernen.

Dann schritt auch schon der erste bekannte Politiker in die Kantine, um sich kurz vorzustellen, einen allgemeinen Überblick über die momentane Politik und im Besonderen über die Politik der Sozialdemokraten zu geben: SPD-Chef Franz Müntefering. In einem etwa halbstündigen Gespräch beantwortete er die Fragen der Jungjournalisten und berichtete über einen Brief, den er aufgrund einer Äußerung des CSU-Landesgruppenchefs Michael Glos in der FAZ an CDU-Parteichefin Angela Merkel diktiert hatte (Das Endprodukt sieht dann so aus), bevor er die Vize-Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Nina Hauer, vorstellte.


Gruppenfoto mit dem
Bundeskanzler. Ich bin der
Zweite von links ;-)

In Begleitung von Frau Hauer machten wir uns dann auch auf den kurzen Weg zum Highlight des Tages: Fototermin und Pressekonferenz mit Bundeskanzler Gerhard Schröder im Kanzleramt. Nachdem wir erneuten, strengen Sicherheitskontrollen unterzogen wurde, gelangten wir in das Foyer des gigantisch wirkenden Kanzleramtes. Dort positionierte man uns auf einer der riesigen Treppen, wo eine ganze Armada an Kamerateams und Fotografen der Tagespresse bereits auf uns wartete.

Schließlich war es so weit: Forschen Schrittes und unter unserem Applaus kam Kanzler Gerhard Schröder auf uns zu, gab einigen die Hand und ließ sich mit uns ablichten. Im Sauseschritt ging es dann in einen Presseraum des Kanzleramts, wo alle versuchten, einen recht guten Platz zu erhaschen. Eine Stunde sollte der Kanzler uns nun zur Verfügung stehen; die Berufsjournalisten waren zwar zugelassen, durften selbst allerdings keine Fragen stellen. Das Repertoire der Fragen der Jungjournalisten reichte von außen- bis zu innenpolitischen Themen, auch persönliche Fragen musste der Kanzler en masse beantworten.


Während der Pressekonferenz
im Kanzleramt. V.l.n.r.: Dr.
Thomas Steg, stellvertetender
Regierungssprecher, Kanzler
Gerhard Schröder und Nina Hauer,
Vize-Fraktionschefin der SPD-
Bundestagsfraktion

So gab er den Ratschlag: "Am weitesten kommt man, wenn man versucht, sich alles selbst zu erarbeiten und sich zu qualifizieren. Man darf nicht von anderen zu viel erwarten, jeder muss für seinen Erfolg letztlich selbst verantwortlich sein!" Von einem saar-ländischen Schülerzeitungsredakteur darauf angesprochen, dass für viele Saarländer Oskar Lafontaine immer noch der einzig wahre Sozialdemokrat sei, konterte Schröder schlagfertig: "Oskar Lafontaine ist zwar ein Sozialdemokrat für sich, nicht aber an sich." Einen Kommentar zum amerikanischen Wahlkampf hingegen ließ er sich nicht entlocken. "Sehen Sie die vielen Journalisten hinten im Raum?", meinte Schröder zu einer Jungjournalistin, die Bush zuvor als "imperialistisch" und Kerry als "liberal-freiheitsliebend" betitelt hatte, "würde ich mir auch nur einen Kommentar zu diesem Thema entlocken lassen, wäre das innerhalb von 5 Minuten im Fernsehen und ich käme in Teufelsküche!"

Nach 60 Minuten war alles vorbei und der Kanzler verschwunden. Einige Kamerateams bemühten sich um Interviews und Stellungnahmen von uns, während wir bereits in Arbeitsgruppen zu verschiedenen Themen eingeteilt wurden. Ich landete bei "Politik und Medien", andere Gruppen hatten die Themen "Generationengerechtigkeit" oder "Rechtsradikalismus".


Jörg Tauss in der Arbeitsgruppe.
Und auch im Kanzleramt gibt es
Coca-Cola ;-)

In einem Tagungsraum des Kanzleramts begrüßte uns kurz darauf Jörg Tauss, der medienpolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Bundestag. Er erzählte zunächst von seinen Bestrebungen im Jahre 1994, den Bundestag ans Netz zu bringen, und zeigte im Anschluss bei einer Frage-Antwort-Runde große Kompetenz, als es um die Themen Neue Medien, DSL-Leitungen, das Informationsfreiheitsgesetz u.ä. ging. Rückblickend würde ich diese Veranstaltung als die für mich interessanteste einschätzen.

Gegen 19.00 Uhr klang der Tag dann gemütlich in der "Kulturbrauerei" im Berliner Viertel Prenzlauer Berg aus. Die SPD-Bundestagsfraktion hatte das komplette Lokal für uns angemietet. Einige MdBs ließen sich im Laufe des Abends blicken und es enstanden lockere Diskussionsrunden, bevor wir gegen 22.00 Uhr die Kulturbrauerei in Richtung unseres Hotels verließen...


Im großen Fraktionssaal
der SPD-Fraktion

Tag 2. Gegen 9.00 Uhr erreichten wir wieder das Jakob Kaiser-Haus, wurden erneuten Sicherheitskontrollen unterzogen und im Anschluss auf die Fraktionsebene im 3. OG des Reichtags vorgelassen. Diese Ebene liegt unmittelbar über dem Plenarsaal und ist normalerweise für Besuchergruppen nicht zugänglich. Durch die Kuppel, die sich auch nach innen zieht, konnten wir tief unter uns Merkel, Westerwelle und co erkennen. Nach einem kurzen Rundgang ging es in den großen Fraktionssaal der SPD, wo eine Vertreterin des Bundesminsteriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend die Öffentlichkeitsarbeit eines Ministeriums erläuterte.

Schließlich ging es dann zur Besichtigung der Terasse des Reichtags und der weltberühmten Kuppel:


Die weltberühmte Glasdach-
Kuppel des Reichtags

Das Brandenburger Tor vom
Reichstag aus gesehen


Ich auf der Reichtagsterasse;
Im Hintergrund das Kanzleramt


Blick auf den sich im Bau be-
findlichen Berliner Stadtbahnhof

Abgeschlossen wurde die Veranstaltung schließlich mit einem Foto von uns und unserem jeweiligen Wahlrekisabgeordneten sowie einem Workshop zum Thema "Politik in den Medien" mit der bekannten Politikjournalistin Tissy Bruns vom Berliner Tagesspiegel, sowie dem Chefredakteur des ZDF-Hauptstadtstudios, Kai Niklasch. Sie stellten sich den Fragen der Nachwuchsjournalisten, beantworteten diese souverän und gaben uns viele gute Tipps mit auf den Weg.


Der Bundestagsabgeordnete
für den Wahlkreis Trier, Karl
Diller, zusammen mit mir
auf der Fraktionsebene im
Reichstag

Gegen 13 Uhr ging es dann auch schon wieder nach Hause. Vielleicht sollte man die Veranstaltung künftig auf 3 Tage verlängern, denn von Berlin sahen wir leider nicht viel. Dafür bekamen wir einen sehr imposanten Eindruck vom Leben der Abgeordneten und vom Parlamentarismus an sich. Eine Veranstaltung, die sich absolut gelohnt hat und die ich allen angehenden Journalisten und Schülerzeitungsredakteuren ans Herz legen möchte - egal welcher Coleur man ist. Denn obwohl die Antworten von Schröder und co selbstverständlich eine parteipolitische Färbung trugen, bekamen wir einen tollen Einblick in das parlamentarische System der Bundesrepublik. Eine Erfahrung, die sehr nutzvoll ist, um dem allgemeingültigen Bild des faulen Parlamentariers etwas entgegenzsuetzen und die Politik ein bisschen besser zu verstehen.